Für den Start – Verringerung der Hemmschwelle – Zeichnen von Portraits in der S-Bahn

Gesichter und Menschen zeichnen empfand ich immer als Qual. Nie passte es. Immer sahen die Menschen viel komischer aus als in Wirklichkeit. Ich konnte diese Zeichnungen nicht ausstehen und fand sie richtig abstossend. Sie landeten als Papierknäuel im Papierkorb.

Doch spannend fand ich es schon. Ich sah den Rubens im Museum, ich sah fantastische Mangas aus Japan, ich sah einfache Strichmännchen die Seele und Leben hatten. Also irgendwie sollte ich mich nicht so verkriechen in die Erwartung an Perfektionismus den ich nur dann erreichen kann, wenn ich den Adonis so darstelle wie der Rubens.

Da hatte ich eine Idee: mit dem Handy zeichnen. Portraits von meinen Mitfahrern in der S-Bahn. Jeden Tag in die Arbeit.

Durch das Zeichnen mit dem Finger konnte ich unmöglich „perfekt“ zeichnen.

Die sehr limitierten Werkzeuge iPhone, Notizen, 4 Farben und mein Finger grenzten mich ein und schafften einen Rahmen in dem ich mich voll und ganz auf die Sache an sich konzentrieren musste und konnte: das Zeichnen von Portraits von Fahrgästen in der S-Bahn

Ich probierte mal Sketchbook und schon fiel es mir schwerer, weil die App viel komplexer ist, viel mehr bietet und viel perfektere Resultate ermöglichte.

Doch mir ging es nur darum: Portraits zeichnen in einer S-Bahn Fahrt am Weg zur und von der Arbeit. Es ging nicht darum, dass es schön aussieht, perfekt aussieht, die Proportionen passen oder sonst was. Es ging schlicht und einfach darum: Portraits in der S-Bahn zeichnen. Dadurch entwickelte sich eine große Freude und ein Gefühl der Leichtigkeit beim Zeichnen. Ich verspürte keinen Druck, dass etwas irgendwelchen Normen, Standards oder Kriterien entsprechen musste. Dadurch entwickelte ich eine kreatives Selbstbewusstsein, dass mich immer mutiger zeichnen ließ und Variationen entwickeln ließ. Ich begann riesige Neugier für die Menschen zu entwickeln, ich pickte mir jene raus die mir interessant erschienen. Ich erkannte schließlich manche wieder weil ich sie ein paar Wochen später in der S-Bahn traf und ich sie in meinem Kopf in so guter Erinnerung hatte.

Diese Beobachtung zeigte mir: es lohnt sich zu beginnen. Kleine Schritte zu gehen. Erfahren wie sich etwas anfühlt, es anzupassen, zu verfeinern oder auch zu verwerfen. In diesem Fall hatte ich Glück und es gelang mir eine kontinuierliche Praxis des Zeichnens zu entwickeln, mit viel Freude und Spass.

 

 

 

Vergänglichkeit und Veränderung – Beobachtungen aus einer täglichen Zeichenübung

Meistens kommt es sowieso ganz anders als erwartet. Denkst Du im einen Moment „So“ ist es im nächsten schon „nicht mehr So“ sondern irgendwas anderes.  Aus schön wird hässlich, aus ganz wird kaputt, aus viel wird ein bisschen mehr oder weniger, und so weiter. Obwohl Du das ganz genau weisst, ja jeder weiss es, dass es so ist, ist es schwer zu verstehen und noch schwerer zu akzeptieren. Konservieren, Erhalten, Einrahmen und aufhängen, entspricht mehr unserer Philosophie als zu zerstören und immer wieder neues zu erzeugen. Scheinbar liegt der wahre Wert im finalen Ergebnis und nicht im Weg dorthin zu kommen. Vielleicht neigen viele von uns deswegen zum Perfektionismus und leben in Angst unfertiges, nicht-perfektes zu zeigen?

Ein Beispiel aus meinem Alltag lehrte mich, dass es völlig ok ist und normal ist und akzeptabel ist, wenn Dinge anders kommen als erwartet:

Ich zeichne jeden Tag irgendetwas. Die Zeichnung erstelle ich meist als Kontur, weil ich hoffe, dass meine Kinder die Zeichnungen kolorieren.

Dabei beobachtete ich: 1. Anfangs kostete es große Überwindung mein Werk aus der Hand zu geben und es den Kindern zu überlassen. 2.  Anfangs kostete es mich große Überwindung nicht zu intervenieren, wenn meine Kinder mein Werk so anmalten wie ich es mir nicht vorgestellt habe 3. Anfangs kostetet es mich viel Kraft mich zu öffnen und neugierig zu sein, was passieren wird mit meinem Werk.

Schließlich verstand ich: es geht im Kern nicht darum die Zeichnung zu bewahren. Es geht darum die Zeichnung leben zu lassen. Es geht darum, dass ich durch das Abgeben, die Möglichkeit habe, immer mehr Zeichnungen anzufertigen. Diese Praxis und Übung verbessert meine Fähigkeiten, meine kreatives Selbstbewusstsein und den kompletten Arbeitsprozess des Zeichnens. Und es geht darum, dass ich durch das Abgeben andere Menschen beteiligen kann und mit einbeziehen kann und dass dadurch völlig neue Dinge entstehen.

Ich denke, dass diese Erkenntnis viel widerspiegelt, was in agilen und kreativen Arbeitsumgebungen und Teams rund um Innovation und Digitalisierung geschieht. Der Kulturwandel und die Veränderung sind zentrale Gegebenheiten. Damit umzugehen in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft ist schwierig, da unsere Philosophie Veränderung und Vergänglichkeit nicht so gerne akzeptiert, sondern viel lieber Dinge erhält so lange wie möglich. Unsere Zeit jedoch ist geprägt durch rasend schnelle Veränderung. Ich denke, dass das Akzeptieren der Veränderung und Vergänglichkeit, es leichter macht, sich dafür zu öffnen und mutiger zu sein, Dinge zu probieren, auch wenn sie schief gehen und nicht das dabei herauskommt, was Du dir anfangs erwartet hast. Es bleibt lebhaft, lebendig und spannend.

Hier noch ein paar Bilder, meiner kleinen Reise in die Ungewissheit. Was passiert mit meinen Zeichnungen.

Sehr schöner Tiger Tom mit Maus in Love Cat T-Shirt namens Jerry
Sehr schöner Tiger Tom mit Maus in Love Cat T-Shirt namens Jerry
Blutig und rasend - ein Gockelhahn auf Blumen
Blutig und rasend – ein Gockelhahn auf Blumen
Völlig unberührt
Völlig unberührt
Etwas wilde Katze
Etwas wilde Katze
Komplett zerstückelt
Komplett zerstückelt

Beginner’s Mind – Shoshin – Notizen aus Zen Mind

Design Thinking empfiehlt die Haltung einer „Beginner’s Mind“, um innovative Lösungen zu erschaffen. Der Ursprung dieser „Beginner’s Mind“ liegt im Zen Bhuddismus. Das berühmte Werk des Zen Meisters Shunryu Suzuki trägt den Titel „Zen Mind – Beginner’s Mind“. Suzuki beschreibt darin wie ein Leben mit „Beginner’s Mind“ geführt werden kann. In diesem Blog Artikel extrahiere ich für mich persönlich interessante Zitate, die Designern und Problemlösern helfen sollen, ihre Kreativität zu voller Blüte zu bringen.

„The mind of the beginner is empty, free of the habits of the expert, ready to accept, to doubt, and open to all the possibilities. It is the kind of mind which can see things as they are, which step by step and in a flash can realize the original nature of everything. “ (p. 13)

„In the beginner’s mind there are many possibilities, hut in the expert’s there are few.“ (p. 21)

Tozan, a famous Zen master, said, „The blue mountain is the father of the white cloud. The white cloud is the son of the blue mountain. All day long they depend on each other, without being dependent on each other. The white cloud is always the white cloud. The blue mountain is always the blue mountain.“ This is a pure, clear interpretation of life. (p. 31)

„So if you are attached to the teaching, or to the teacher, that is a big mistake. The moment you meet a teacher, you should leave the teacher, and you should be independent. You need a teacher so that you can become independent. If you are not attached to him, the teacher will show you the way to yourself. You have a teacher for yourself, not for the teacher. “ (p.77)

„…a frog is very interesting. He sits like us, too, you know. But he does not think that he is doing anything so special. Whe n you go to a zendo and sit, you may think you are doing some special thing. While your husband or wife is sleeping, you are practicing zazen! You are doing some special thing, and your spouse is lazy! That may be your understanding of zazen. But look at the frog. A frog also sits like us, but he has no idea of zazen. Watch him. If something annoys him, he will make a face. If something comes along to eat, he will snap it up and eat, and he eats sitting. Actually that is our zazen—not any special thing……..You should be like a frog always “ (p. 80)

 

 

Design-Kritik, Feedback-Kultur und Team-Diskussion für die Digitalisierung

Ich erinnere mich als ich vor einigen Jahren einen MOOC (Massive Open Online Course) absolvierte: Learning Creative Learning ( http://learn.media.mit.edu/lcl/about/ ) mit Mitch Resnick ( http://web.media.mit.edu/~mres/ ). 2013 war es damals der allererste MOOC den Mitch durchführte, als ein „großes Experiment“ mit google hangouts, communities usw. (Heute gibt es eigene Website, eine Buchveröffentlichung und vieles mehr was aus den ersten Experimenten entwachsen ist).

Eine der ersten Aufgaben des MOOC bestand darin:

  1. Read Seymour Papert’s essay on Gears of My Childhood
     also available in Italiano (Italian)Português (Portuguese)Español (Spanish)日本語 (Japanese)
  2. Think about an object from your childhood that interested and influenced you. What was special about it? How did it affect the way you think and learn?
  3. Go to the discussion forum to see other people’s objects
  4. Share a photo and short description of your childhood object

http://learn.media.mit.edu/lcl/weeks/week1/ )

Ein wichtiger Teil jeder Aufgabe war es zu „reflektieren“. Ich erinnere mich noch genau, denn für mich war dies eine prägende Erfahrung, die den Umgang mit dem was ich mache und wie ich es präsentiere grundlegend verändert hat. Aber alles der Reihe nach:

  1. Ich las den Artikel von Seymour Papert. Check Schritt 1. Einfach.
  2. Ich überlegte mit ein Objekt meiner Kindheit, das mich beeinflusste und interessierte. Ich dachte darüber nach was so besonders daran war und wie es meine Denkweise und Lernweise beeinflusste. Check Schritt 2. Einfach.
  3. Ich schaute in das Diskussion Forum um die Objekte und Beschreibungen anderer zu sehen. Check Schritt 3. Einfach.
  4.  Ich sollte meine Beschreibung und das Foto aus Schritt 2 mit einer super aktiven Community von mehreren Tausend Teilnehmern teilen und ich sollte meine Beschreibungen und das Foto in meiner Lerngruppe teilen von 6 bis 8 Kolleginnen teilen. ACHTUNG! Schritt 4! SCHWIERIG!

Ich zögerte sehr lange. Ich stellte mir viele Fragen wie:

  • Was werden die anderen sagen?
  • Was werden die anderen über mich denken?
  • Werden sie was schlechtes über mich denken? Bestimmt
  • Werden sie einfach gar nichts sagen und es ignorieren, aber sich denken….?
  • Was wenn jemand negatives Feedback gibt? Was wenn jemand sagt, das ist falsch, das ist Blödsinn? Was wenn jemand sagt, was soll das, kann der das nicht besser machen? Was wenn….?

Schließlich fand ich einen Kommentar in der Community, in der eine Teilnehmerin darüber reflektierte, wie schwierig es für sie war und welche Überwindung es sie kostete, ihre sehr persönliche Beschreibung aus ihrer Kindheit mit der Community zu teilen und dort einen intimen, persönlichen Teil ihres eigenen Lebens zu öffnen.

Ich war erleichtert, denn ich wußte: ah, ich bin nicht alleine mit meinen Gedanken und Ängsten. Es gibt andere, die genauso fühlen wie ich.

Diese Erkenntnis verschaffte mir Mut. Ich lud die Beschreibung hoch, klickte auf „Post“ und fertig. Ich erhielt wundervolle Kommentare, ich erhielt ein Dankeschön für den Uploads meiner Kolleginnen, sie stellten Fragen, sie interessierten sich dafür und alle anfänglichen Befürchtungen waren verpufft.

Seit diesem Moment veröffentliche ich regelmäßig die unterschiedlichsten Inhalte. UND, das was das Schwierigste von allem war: ich frage bewusst und aktiv nach Feedback und Kritik! Egal ob von Personen die mir nahe stehen, egal ob meine Eltern, Freundin, Bruder oder Kinder, egal ob Arbeitskollegen, egal ob Chef und egal ob von mir unbekannten Personen. Kritik und Feedback hilft immer um Dingen eine Basis zu geben sie zu verbessern. Nur so kann gelernt werden und das Erlernte reflektiert und in die Zukunft integriert werden. Daher keine Scheu davor!

Meine Erfahrungen in IT und Digitalen Projekten bestätigen, dass viele Menschen die beschriebenen Ängste und Zurückhaltung teilen. Besonders in großen Konzernen ist diese Tatsache immer wieder auffällig. Meist dann, wenn sehr traditionell, konservativ und hierarchisch gearbeitet wird. Kritik und Feedback sind essentiell um Dinge weiter zu entwickeln und zu verbessern. Im Bereich von Kunst und Design sind Kritik-Sessions Gang und Gebe. Kritik gehört zum täglichen Brot von Künstlern und Designern. Nur so können sie sich weiter entwickeln.

Um diese wertvollen Tools auch in der Digitalisierung und IT nutzen zu können, sollte nicht einfach drauf los diskutiert werden. Ein strukturiertes Vorgehen und klare Spielregeln helfen, Kritik und Feedback zu einem wertvollen Bestandteil eines Learning Cycles zu machen. Lernen ist seit „Lean Startup“ (Eric Ries) ( http://theleanstartup.com/ ) und dem validaten Learning Ansatz glücklicherweise sehr positiv besetzt und steht so auf der Agenda aller Unternehmen egal ob Startup oder Konzern.

Zwei grandiose Referenzen für Kritik, Feedback und Diskussion im Team sind ein Buch und ein Set von Methodenkarten der Innovationsberatung IDEO:

    1. Discussing Design: Improving Communication and Collaboration through Critique –
      http://www.discussingdesign.com/discussing-design-improving-communication-and-collaboration-through-critique/
    2. This deck of cards will change the way you work – https://www.ideo.com/blog/this-deck-of-cards-will-change-the-way-you-work 

Validated Learning – Erfahrungen aus dem Spielen mit Kindern, Teil 1

Mein Sohn (5 Jahre) interessiert sich aktuell für Straßen und Autobahnen. “Lass uns eine Straße bauen”, meinte er eines Samstags Vormittags zu mir. Ok, wir bauen eine Straße. Beim gemeinsamen Straßenbau machte ich einige Beobachten, die mich stark an den Validated Learning und Protoyping Prozess erinnert haben:

Wir begannen mit einer kurzen Besprechung. Was soll die Strasse denn können? Was sollte die Straße ermöglichen? Was sollte damit geschehen? Mein Sohn antworte: “Na es sollen Autos drauf fahren können.” Er visualisierte diese Idee mit einem seiner vielen Matchbox-Autos und einem Blatt Papier. Ich selbst lernte so mehr über seine Idee und wir verringerten von Anfang an das Risiko, dass wir aneinander vorbei kommunizieren und über falsche Erwartungen, Vorstellungen und Ideen sprechen.
Das A4 Blatt Papier schnitt mein Sohn in Streifen. Die Streifen sollten die Fahrbahnen sein. Eine Besonderheit der Fahrbahn ist:

  • die Fahrbahn sollte bergab führen
  • die Autos sollten so selbstständig nach unten flitzen können

Beim Testen von Fahrzeug soll bergab fahren, lernten wir etwas sehr wichtiges und essentielles um den nächsten Schritt zu verfeinern: Die Matchbox Autos sind zu schwer für die aktuelle Befestigung des nach unten führenden Papierstreifens. Lässt Du das Auto frei für die Fahrt, stürzt es ab, weil der Papierstreifen sofort nachgibt.

Unsere Maßnahme:…

Was hat ein gutes Foto mit einem guten digitalen Produkt zu tun?

Digitale Produkte wie Apps, Web-Anwendungen oder Unternehmenssoftware und die Kunst der Fotografie verfügen über eine Gemeinsamkeit, die ihre Qualität und ihren Wert ausmacht.

Fotografie

Was ist der Unterschied zwischen einem Schnappschuss und einem wirklich guten, gekonnten Foto? Meistens liegt der Unterschied in der Reduktion auf das Wesentliche. Von unendlich vielen Möglichkeiten, wie etwas dargestellt werden kann, kommt es darauf das Entscheidende herauszuarbeiten indem Irrelevantes und Unwesentliches minimiert wird. Nur so entsteht der Mehrwert für den Betrachter eines Bildes und die Absicht des Fotografien verwirklicht sich.

Digitales Produkt

Die hohe Kunst ein gutes digitales Produkt zu entwickeln liegt in der Reduktion der Komplexität. Wie beim Foto existieren unendlich viele Möglichkeiten ein Produkt zu gestalten. Den Kern des Produktes zu finden, ist die Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Im Bereich der digitalen Produktentwicklung gibt es dafür populäre Ansätze wie Validated Learning oder das Konzept des MVP (Minimum Viable Product). Ansätze wie Lean UX, Story Mapping und agile Methoden der Zusammenarbeit in fachübergreifenden Teams unterstützen das Ziel der Einfachheit und Minimierung von Komplexität.

Welche speziellen Methoden sich für die Reduktion von Komplexität eignen, findest Du in einem der kommenden Artikel.

Wie ein 4-jähriger sein eigenes Lernsystem für das Alphabet und Schreiben entwickelte

Jeder Mensch verfügt über Kreativität. Bei Kindern ist Kreativität besonders ausgeprägt, weil sie sie tagtäglich nutzen. Sie spielen und lernen mit Kreativität.

Für mich ist diese Fähigkeit faszinierend. Kinder sind Vorbilder in kreativem Lernen. Ich schaue ganz genau hin, wenn meine beiden Söhne spielerisch die Welt erkunden und Systeme erforschen und lernen damit umzugehen.

Mein älterer Sohn, 4 Jahre interessiert sich momentan sehr für geschriebene Buchstaben und Zahlen. Er will wohl lesen und schreiben lernen. Er tippt oft auf dem Notebook Tastatur Buchstaben ein und sucht die Buchstaben, aus denen sich sein Name ergibt. Und wir haben Magnet-Buchstaben die am Kühlschrank hängen. Irgendwann mal sehe ich, dass er alle Magnetbuchstaben am Boden verteilt hat. Er nimmt einen nach dem anderen aus dem Pool an Buchstaben und tippt den Buchstaben im Notebook ein.

Was für ein fantastisches Lernsystem, dass er sich selbst entwickelt hat. Später bildeten wir gemeinsam Wörter und Namen aus dem Buchstabenpool. Er tippte sie in den Computer ein. Dann ließen wir Google Translate die Buchstabenfolge vorlesen. Dann tippte er wild irgendwelche Buchstabenfolgen ein und ließ sie wieder von Google vorlesen. Was für seltsamen Laute kamen da aus dem Lautsprecher. So lernten er und ich durch kreative Experimente viel neues über Sprache, Worte und Computer.

Wie ich mich beim Spielen mit Kindern in extrem starrem Denken ertappte

Am Sonntag wollte ich mit meinen Kindern etwas basteln. Sie erzählten mir von einem Puppentheaterbesuch mit dem Kinderladen. Ich schlug den beiden vor, lasst uns doch aus Karton ein Puppentheater basteln. Wir suchten im Internet nach Anleitungen und legten los.

Der Start war toll. Beide Kinder und ich zogen an einem Strang. Wir waren ein gutes Team und verfolgten zielstrebig die Fertigstellung unseres Puppentheaters. In mir stieg die Vorfreude auf die erste Vorstellung.

Plötzlich passierte etwas völlig unerwartetes. Etwas, dass mich völlig vom Plan brachte. Der jüngere Sohn nahm das Klebeband und klebte es über die ausgeschnittenen Kartonteile. Er wickelte das Klebeband wild drüber und steckte es durch die Schlitze die wir zuvor mit der Schere schnitten. Ich würde nervös, weil ich sah, das Puppentheater folgt nicht mehr dem Bauplan aus dem Internet. Ich sah das Puppentheater kurz davor zerstört zu werden. Ich muss eingreifen, ansonsten ist alles dahin. Stop! Halt! Nein, das musst du doch hierher machen! Was machst du da!

Dann hielt ich inne. Ich schaute in mich und stellte fest: Du bist alt, starr und unflexibel. Du opferst den Fluss der Kreativität zugunsten eines starren Plans. Du widersprichst zu 100% dem, wofür du dich im Job mit Design Thinking Initiativen und mehr kreativen Denken und Problemlösen einsetzt.

Während ich in mich gekehrt über mein Verhalten nachdenke, haben die beiden Jungs aus dem Puppenhaus eine Abfahrtsrampe für Autos gebastelt. Sie liessen die Matchboxautos von den Kartonteilen mit Klebestreifen runterflitzen. Dieses soeben neu erfundene und entwickelte Spiel beschäftigte die beiden Jungs den ganzen Nachmittag. Runterflitzen lassen, in ein Ziel flitzen lassen, große Autos flitzen lassen und kleine. Was für ein Spass. Das Puppenhaus wird aber noch gebaut! Darauf könnt ihr wetten!

Rubens und die Evolution der Kreativität

Peter Paul Rubens zählt zu den bekanntesten und bedeutendsten Malern des Barock. Er lebte im 16.Jahrhundert und war flämischer Herkunft. Das Kunsthistorische Museum in Wien widmet Rubens aktuell eine Sonderausstellung mit dem Titel: “Kraft der Verwandlung” (Externer Link: Rubens – KHM Wien).

Ich besuchte die Ausstellung aus zweierlei Gründen:

  1. mir gefallen die Gemälde von Rubens, v.a. die wilden und blutrünstigen Darstellungen von Geschichten aus der römischen und griechischen Mythologie.
  2. das Thema “Kraft der Verwandlung” fügt sich nahtlos ein in die Themen Kreativität und Design, die ich im letzten Jahr beruflich zu einem Schwerpunkt im Rahmen von Digitalisierung und Innovation (Design Thinking) machte

Ich entdeckte zahlreiche Parallelen in der Arbeitsweise von Rubens und der Arbeitsweise, wie sie für Innovationskraft und das kreative Problemlösen in Zeiten der Digitalisierung empfohlen wird.

  • Der Schaffensprozess des Meisters charakterisierte sich durch “einen tiefen Dialog Rubens mit Kunstwerken berühmter Vorgänger und Zeitgenossen wie Tizian und Tintoretto, von Goltzius, Rottenhammer und Elsheimer sowie von Giambologna, Van Tetrode und Van der Schardt.”
  • Rubens holte sich Inspiration aus unterschiedlichen Epochen und Genres wie Malerei, Zeichnungen, Druckgrafiken, Skulpturen und angewandte Kunst.
  • Rubens zeichnete untentwegt und entwickelte so eine ständig wachsende Sammlung an Motiven, auf die er für seine großen Werke zurückgriff.
  • Rubens vervielfältigte seine Werke als Druckgrafiken, um so eine größere Verbreitung seiner Arbeit zu ermöglichen. [1]

Vieles davon erinnert mich an den Design-Prozess wie er vielfach im Bereich der Digitalisierung erklärt wird. Das Sichtbarmachen von Design-Evolution, die ständige Erweiterung und Neuinterpretationen bestehender Werke und die Schaffung von Design “evidence” spielen dabei eine bedeutende Rolle. Sie ist die Grundlage bzw. Voraussetzung für die Entwicklung von Innovationen, sprich die Grundlage für Kreativität sind. Wie bei Rubens, der durch ständige Weiterentwicklung eine Evolution seiner Arbeit herbeiführte und diese ganz bewusst sichtbar und transparent machte. So erlangte er unerschöpfliche Kreativität und Schaffenskraft. Ein Vorbild für alle die sich heutzutage Innovation und Digitalisierung auf die Mütze schreiben.

Einige interessante und inspirierende Inhalte aus der Welt des Designs, in denen ich eine Verbindung zu Rubens sehe, findest Du hier:

Natasha Jen spricht in diesem Video eindringlich von der Wichtigkeit von “Design Evidence”, das ständige Entwickeln neuer Entwürfe, das Kritisieren dieser Entwürfe (Design Critique) und der Feedback-Kultur, die neue Ideen zu konkreten Innovationen entstehen lässt.

http://99u.com/videos/55967/natasha-jen-design-thinking-is-bullshit

  • Ebenso interessant finde ich den Ansatz zum Training des “Design Muscles”

https://medium.com/stanford-d-school/designmuscles-71987212b7d2

  • Ein empfehlenswertes Buch zu “Design Critique” gibt es im O’Reilly Verlag

http://www.discussingdesign.com/

http://shop.oreilly.com/product/0636920033561.do

Referenzen

[1] http://www.staedelmuseum.de/de/rubens